Mittwoch, 10. Oktober 2012

September

Ich tue mit Euch jetzt, was ich schon mit Millionen von Menschen, mit Freunden, Freundinnen, Ex-Freundinnen und Fremden getan habe; ich erzähle Euch von Ryan Adams und mir. Wer gerade an "Summer of '69" denkt, ohrfeige sich bitte selbst!

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich zum ersten Mal einen Song von Ryan Adams hörte. Ich hatte einen Rolling-Stone-Artikel über ihn gelesen und fand es ziemlich dämlich, dass er als "Country-Rebell" betitelt wurde. "Country-Rebell" klang für mich nach einem ziemlichen Cash-Abklatsch - und selbst der Man in black war ja nun bei Weitem nicht immer, während seiner fünfzigjährigen Karriere, ein Outlaw, rough as hell. Internet war noch ein bisschen anders, und als treuer Kunde von American Online kam ich damals noch in den Genuss eines Provider-Programms, mit dem man seine E-Mails und Geschäfte, Bla, Bla regeln konnte. Teil des AOL-Network war jedoch auch die großartige Serie "Sessions@aol". Youtube war damals noch ein Fliegenschiss in den Gedanken irgendeines Freaks, und unsere Suchmaschine Nummer 1 hieß "Lycos". Die Zeit ist ein Gauner. "Sessions@aol" gab Künstlern die Möglichkeit, zwei-drei Songs im kleineren Rahmen vorzustellen und ihre neuen Platten oder so zu promoten. Wollte man damals also neue Musik kennenlernen oder sich einfach einen buchstäblichen Überblick verschaffen, war es eine tolle Möglichkeit. In den Analen Youtubes habe ich gerade den Clip ausgegraben, den ich damals sah.




Ich war fünfzehn. Es war der September - vor fast genau zehn Jahren. Es kommt mir vor, als wäre das ein Leben lang her. Der Song traf mich sofort ins Herz. Da hatten die Pimmel vom Rolling Stone tatsächlich recht. Ist ja auch nicht selbstverständlich, berichten sie doch über wenige Künstler neben Dylan, den Beatles und den Stones. Ich schmiss Napster (!) an und besorgte mir alles von Mr. Adams, was ich finden konnte: Songs, Konzertmitschnitte, Interviews, Fernsehauftritte, einfach alles. Er kam aus einer kleinen Provinz namens Mecklenburg (!). Nur eben in North Carolina. Ich entdeckte seine Version des Oasis-Mammut-Hits "Wonderwall" und wettete, dass selbst Noel Gallagher zugeben musste, dass diese Version besser war. Die Drogen waren Ryan deutlich anzusehen, doch die Songs waren brillant. "Oh My Sweet Carolina" riss mir den Boden unter den Füßen weg. Noch heute könnte ich den Song jeden verfickten Tag hören. Er stammt vom 2000'er Solo-Debüt Adams', "Heartbreaker". Und wie recht er hat.


Jahre vergingen, doch die Songs füllten erst CDs, dann die ersten MP3-Player. Ich wusste, dass wenn ich mal Musik machen wollte, sie so klingen sollte. Mit der Zeit sah Ryan gesünder aus und hatte sich inzwischen eine Band gesucht, die Cardinals. Sein Output war unglaublich. Allein 2005 erschienen drei Alben. Die Königin der Hölle war noch ihr exaktes Gegenteil: Immer, wenn wir uns trafen, brachte sie mir eine seiner CDs mit und so besaß ich nach kurzer Zeit das komplette Werk. Wie viele Nächte vergingen, in denen Kerzen brannten und seine Musik spielte, während der Wind die Äste vor ihrem Fenster tanzen ließ? Ich seh die Bilder vor mir; Sex und Kippen. Aber die Zeit ist ein Gauner. Alles wurde düster. Bevor wir uns trennten, sagte sie mir, dass sie die Musik von ihm nie besonders gemocht hätte und dass "Big Fish" eigentlich ein ziemlich langweiliger Film sei. Verfickter Bullshit. Ich habe eine süße Illusion gelebt.

    
Als die Sonne wieder schien, kam ein neues Album raus - und alles war wieder okay. Es ist 2007. Direkt nach dem Abitur erscheint "Easy Tiger", das erste Album, das ich mir selbst kaufe, während sich die Lebensläufe trennen und Freunde nach und nach verschwinden. Zivildienst. Krankenhaus. Seine Songs in meinem Ohr, während ich morgens das letzte Jahr durch die Straßen meiner Kindheit stapfe.

Unmittelbar nachdem ich mich an der Uni eingeschrieben hatte erscheint "Cardinology". Es geht immer weiter. Als wüsste er, wann es für mich wieder Zeit für ein neues Album war. Winter 2008/2009 aufgrund einer Krankheit beendet Adams seine Karriere und heiratet Mandy Moore. Keine Drogen, kein Alkohol, keine Musik und Mandy Moore. Es bricht mir das Herz. Ich lass mir das Logo seiner Band in die Schulter stechen. Die Songs, meine wilden Jahre; all das, für immer bei mir. Die tätowierte Rose war früher außerdem ein Zeichen für Menschen, die zum Tode verurteilt waren. Ist das nicht herzerwärmend pathetisch? Aus einem melancholischen Impuls heraus ersteigere ich sogar einen signierten Gedichtband, den er in der Zwischenzeit geschrieben hatte. Entweder ich verstehe die Gedichte nicht, oder sie sind einfach scheiße. 66 $ für etwas, das Ryan Adams signiert hat? Guter Deal.



Letztes Jahr um diese Zeit erschien sein Comeback-Album, "Ashes & Fire". Wie das Leben so spielt. Er gefiel mir zwar ein wenig besser, als es ihm noch schlecht ging, er Drogen nahm und soff (Paradies = Feind des Künstlers), doch die Songs sind noch immer besser als alles. Und er beginnt die erste Single, "Lucky Now", mit: "I don't remember, were we wild and young? All that's faded in the memory" - er war immer da, um den Soundtrack meines Lebens zu spielen. Das klingt unglaublich eklig, aber ich weiß einfach nicht, wie ich es anders formulieren sollte - alles andere wäre gelogen.



Wenn Ihr bis jetzt noch nichts von ihm kanntet, macht Euch nicht fertig, kauft einfach "Heartbreaker", sein Debüt. Gebt ihm die Chance, auf Euren Soundtrack zu kommen.

Ich verabschiede mich mit einem kleinen Song. Eine Coverversion von Adams "September", die ich in einer meiner dunkelsten Stunden aufgenommen habe. Die Qualität ist scheiße. Stellt Euch vor, es wäre das Meer, das dort so unaufhörlich im Hintergrund rauscht.

A.   




Kommentare:

  1. Klingt ganz gut, die Musik. Soweit man das sagen kann wenn man sie durch knarzelige Laptoplautsprecher hört. Vielleicht habe ich mich da aber auch ein bisschen durch die Optik des Herrn Adams beeinflussen lassen. Ich werde dem nochmal auf den Grund gehen.
    Mit Wonderwall hast Du völlig recht - die klingt von Ryan Adams viel viel besser. Das Original mag ich nicht so gerne, die Coverversion ist toll!
    Ich finde es schön, wenn einen eine Musik oder eine Musiker bzw. eine Band so lange Zeit begleitet und habe überlegt, ob es das bei mir auch gibt. Alleine die Tatsache, dass ich zu überlegen angefangen habe, sagt wohl alles. Irgendwie hat sich die Musik der Bands, die ich mochte, nach einer Zeit doch sehr zum Nachteil verändert. Die einzige Band, die ich immer mochte und deren Musik ich immer noch regelmäßig höre ist R.E.M.

    Last but not least: deine dunkelsten Stunden haben etwas gutes hervor gebracht.

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  2. Hab ihn 2004 in Belgien entdeckt... I see Monsters ist neben Wonderwall mein Favorit.

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